Stadtnachricht

Museum im Steinhaus


Stillleben, Porträts, Landschaften und Akte. Die Motive sind vielfältig, meist farbenfroh und der Realität entsprungen. Kunst also,  mit Wiedererkennungseffekt, zum Entdecken und Staunen. Dies alles und noch viel mehr bietet die Ausstellung „Malerinnen des Expressiven Realismus“, die von Sonntag, 5. Juli, bis Sonntag, 16. August, im Museum im Steinhaus zu sehen sein wird. Die Werke stammen allesamt aus der umfangreichen Sammlung von Joseph Hierling. Der Tutzinger, ehemals Kameramann und Leiter der Film- und Fernsehproduktion des Bayerischen Fernsehens, hat sich dem Expressiven Realismus verschrieben. Werke seiner Sammlung sind derzeit auch im Mädler Art Forum in Leipzig sowie im Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See zu sehen. Ein Porträt Hierlings im Zusammenhang mit der Bernrieder Ausstellung erschien aktuell in der Süddeutschen Zeitung. Im Amtsblatt-Interview erläutert der Kunstsammler unter anderem, was unter dem Begriff zu verstehen ist, wie er historisch einzuordnen ist und ob sich die weibliche Kunst von der männlichen unterscheidet.

Joseph Hierling. (Foto: Privat)
                                                Foto: Privat

Herr Hierling, was ist unter dem Begriff „Expressiver Realismus“ zu verstehen?
Das 20. Jahrhundert ist durch eine Vielzahl von Krisen und Katastrophen geprägt worden, die in den beiden Weltkriegen sowie dem sogenannten Kalten Krieg zwischen den großen Machtblöcken kulminierten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Expressionismus einen völlig neuen Blick auf die Welt eröffnet. Weitere stilistische Erscheinungen der folgenden Jahrzehnte werden unter anderem mit Neue Sachlichkeit, Surrealismus oder Informel bezeichnet. Wichtige Künstler der um 1900 geborenen Generation haben jedoch seit 1925 „aus dem Expressionismus etwas Neues, anderes gemacht“ so der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann, indem sie sich das Formenvokabular der Klassischen Moderne zunutze machten. Sie fanden dadurch zu einer malerischen Grundhaltung, die Rainer Zimmermann mit dem Begriff „Expressiver Realismus“ zusammenfasst. Ein großer Teil der solcherart gegenständlich arbeitenden Künstler wurde zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten in Abseits gedrängt und durch Krieg und Gefangenschaft oder gar Verfolgung vielfach ihrer bürgerlichen Existenzgrundlage beraubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aus politischen Gründen im Westen abstrakte beziehungsweise informelle Ausdrucksformen und im Osten der sogenannte sozialistische Realismus gefördert. Expressiv-realistisch schaffende Künstler und ihre kunstgeschicht-liche Leistung wurden in der breiten Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen, was sie zur „Verschollenen Generation“ werden ließ. Erst seit den achtziger Jahren hat wieder eine Auseinandersetzung mit der Kunst des Expressiven Realismus begonnen.

Caroline Wittmann: Stillleben mit Brotschneidemaschine. (Foto: Sammlung Joseph Hierling)

Woher rührt Ihre Leidenschaft für den Expressiven Realismus?
Ein Malerfreund brachte mich zur Kunst. So bin ich hineingewachsen. Weitere Begegnungen mit Künstlern und Kunsthistorikern folgten. Aufgewachsen in München, stellte ich fest, dass es dort damals nur die Neue Münchner Galerie des Kunsthistorikers Richard Hiebe gab, die engagierte gegenständliche Kunst gezeigt hat im Gegensatz zu den übrigen Galerien. Dass auch sehr wohl ein Interesse an gegenständlicher Malerei vorhanden war, bestätigte sich dann später in meiner eigenen Münchner Galerie, die ich von 1981 bis 1994 in der Georgenstraße betrieb. Dort präsentierte ich in Einzelausstellungen Werke von Malern des sogenannten Expressiven Realismus. Die Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem Kunsthistoriker Rainer Zimmermann tat ihr übriges. Mit seinem Buch über die deutsche Malerei des Expressiven Realismus bekam meine Sammelleidenschaft ein kunsthistorisches Fundament. Gemeinsam mit Zimmermann gründete ich den „Förderkreis Expressiver Realismus“ und 1993 ein Museum gleichen Namens in Kißlegg im Allgäu, das bis 2005 bestand und 23 Sonderausstellungen zeigte. Im Laufe der Zeit erwuchs eine bedeutende Sammlung, die zehn Jahre lang  in der Kunsthalle Schweinfurt gezeigt wurde.

Josefine Mühlen-Schmid, Am Kinderspielplatz o.J. (Foto: Sammlung Joseph Hierling)

In der Ausstellung im Museum im Steinhaus werden Werke von Malerinnen dieser „Verschollenen Generation“ gezeigt. Warum stehen speziell die Frauen im Fokus?
Frauen dieser Zeit hatten es doppelt schwer. Eine Ausbildung an Kunstakademien war ihnen erst durch die Weimarer Verfassung 1919 erlaubt. Später mussten viele ihren Beruf als Malerin auf Wunsch des Ehemannes wieder aufgeben. Bis in die 1970er Jahre wurden sie in den Status der „malenden Hausfrau“ zurückgedrängt, wie es im Vorwort des Buches „Malerinnen des Expressiven Realismus“ von Ingrid von der Dollen heißt. Insofern wurden die Malerinnen der „Verschollenen Generation“ in ihrem künstlerischen Schaffen doppelt vernachlässigt. Aus diesem Grund werden diese Malerinnen mit dieser Ausstellung besonders gewürdigt.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine weibliche Malerei?
Ich dachte früher, ich könnte an einem Werk erkennen, ob es aus der Hand einer Künstlerin stammt. Heute kann ich das aber nicht bestätigen. Es wird immer wieder behauptet, dass der weibliche Blick ein anderer ist, aber man kann es nicht definieren.
Werke der Künstlerinnen der "Verschollenen Generation": Rose Sommer-Leypold auf rotem Tisch. (Foto: Sammlung Joseph Hierling)
Fotos: Sammlung Joseph Hierling

Worin liegt für Sie die Besonderheit der gegenständlichen Kunst?
Da berufe ich mich auf Max Beckmann, der darauf aufmerksamem machte, dass ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen dem Schwächlichen Abstrakt-Ästhetischen und der Aussage eines Bildes über die wirkliche Welt. Dass dies gut ankommt, beweisen die Gästebucheinträge in den Ausstellungen. Die Besucher sind begeistert von dem, was sie sehen und erfahren aus dem Bild des Künstlers. (Das Interview führte Tina Block)