Stadtnachricht

Serie: Wasser


Verbraucher erwarten gerade bei der Wasserversorgung optimale Qualität, damit einhergehend also auch bei der Abwasserreinigung. Doch ist es überhaupt möglich, alle schädlichen Substanzen aus dem Abwasser zu filtern? Mehr dazu erfuhren wir in einem Gespräch mit Peter Haselmaier, Technischer Leiter der städtischen Ver- und Entsorgungsbetriebe sowie des Abwasserzweckverbands Nagold.

Luftbild von der Kläranlage des Abwasserzweckverbands Nagold in der Calwer Straße. (Foto: Stadt)
Foto: Stadt

Mehrstufiger Reinigungsprozess
Das Ab- und Regenwasser des Abwasserzweckverbands Nagold fließt aus den Ortsteilen bis zur Nagolder Kläranlage in der Calwer Straße. Mittlerweile verzichtet man auf den Betrieb mehrerer kleiner Kläranlagen, da sie den wachsenden Anforderungen nicht mehr gewachsen und unrentabel wären. Die Ableitung des Abwassers über Kanäle orientiert sich an naturgemäß bergab fließenden Gewässern, um Pumpen und somit Kosten und Energie einzusparen. In der Kläranlage kommt das Abwasser mit hoher Geschwindigkeit an und wird zunächst in langen, breiten Becken „ausgebreitet“ und verlangsamt. Feststoffe und grober Schmutz setzen sich ab. Sie werden bei der mechanischen Vorklärung mit Rechen und Sandfang abgesondert und in die Schlammbehandlung weitergeleitet. Der Schlamm wiederum wird in Gasbehälter verbracht. Bei den darin stattfindenden biologischen Prozessen entsteht Gas, das im eigenen Blockheizkraftwerk verstromt und rückgeführt wird. Pro Jahr würden rund eine Million Kilowattstunden Strom für die Kläranlage benötigt, die zum größten Teil selbst produziert werden könnten. Das vorgereinigte Wasser gelangt in die biologische Reinigung. Die dabei eingesetzten Mikroorganismen brauchen einen möglichst konstanten Wasserzufluss und Verschmutzungsgrad. Herausfordernd sind dabei Abwasser-Spitzenzeiten, wie etwa Halbzeitpausen bei Fußball-Weltmeisterschaften. Die nächste Etappe der Abwasserreinigung ist eine chemische Reinigungsstufe. Über Eisenfällung und Eisenabspaltungen wird Phosphat gebunden. Es bilden sich Flocken, die bei der abschließenden Nachklärung aus dem Wasser geholt werden.

So weit, so gut ... wären da nicht die Spurenstoffe ...
Kläranlagen sind grundsätzlich für stark verschmutztes Wasser konzipiert. Bis heute stellt jedoch die Eliminierung der sogenannten „Spurenstoffe“ (siehe auch Infokasten) die Abwasserreinigung vor große Probleme. Derzeit werden lediglich 15 bis 20 Prozent gefiltert. Der Rest verbleibt im Wasser, mit noch ungeahnten Folgen für Mensch und Umwelt. Ein globales Problem. Nagold kommt dabei noch gut weg. Bereits seit längerer Zeit werden weit angelegte Untersuchungen zur Verbesserung der Situation durchgeführt. Bis Spurenstoffe jedoch komplett gefiltert werden könnten, wird noch viel Zeit ins Land gehen. „In Baden-Württemberg wurden bisher lediglich 16 kommunale Kläranlagen (von rund 900) mit einer vierten Reinigungsstufe aufgerüstet. Rund 125 sollen mittelfristig folgen“, erläutert Haselmaier. Derzeit stehen für diese weitere Reinigungsstufe zwei alternative Verfahren zur Verfügung: Reinigung über Ozon und Wasser in Kombination mit Sandfiltern oder Reinigung über Aktivkohlefilter. Was sich im ersten Moment nach einem guten Fortschritt anhört, schafft weitere Problematiken. So ist Aktivkohle ein endlicher Rohstoff, der unter anderem in Afrika gewonnen wird und bisher nicht recycelt werden kann.

Was soll der „Hype“ um Spurenstoffe?
Vor 50 Jahren ahnte noch kaum jemand etwas von Spurenstoffen, dennoch waren sie bereits vorhanden. Dank moderner Forschung und heutiger Messtechnik wird das gesamte Ausmaß der Situation nun erst nach und nach deutlich. Eine große Problematik der heutigen Zeit bestand damals außerdem auch nur in sehr geringem Maße, denn dieses Material wird erst seit 1950 im Einzelhandel eingesetzt: Plastik und darin enthaltene Problemstoffe sowie resultierendes Mikroplastik. Haselmaier taucht noch ein wenig tiefer in die Gesamtproblematik ein: „Durch unseren heutigen Wohlstand verursachen wir viele vermeidbare Verunreinigungen, die auf Kosten anderer wieder aus dem Wasser entfernt werden müssen. Für die Reinigung werden Materialien notwendig, die wiederum endliche Rohstoffe verringern und ein weiteres Müllproblem schaffen. Das nimmt sogar politische Dimensionen an. Es ist höchste Zeit, unser Konsumverhalten zu überdenken.“

Bekanntes Problem: Phosphat
Das häufig verwendete Düngemittel Phosphat sei ein weiteres Paradox. „Es kann weltweit in nur vier Gebieten gewonnen werden. Unter anderem in Marokko, unter schwierigsten Bedingungen. Wir bringen es in großen Mengen auf unseren Feldern aus, um mehr anzubauen und vernichten später wiederum einen Teil der Ernte, weil sie gewissen Kriterien nicht entspricht oder einfach zu viel produziert wurde. Das Phosphat gelangt schließlich über Regen- und Grundwasser in unsere Kläranlagen, wo es unter großem Aufwand gefiltert werden muss“, fasst Haselmaier die Problematik zusammen. Früher wurde Klärschlamm teilweise in der Landwirtschaft verwendet. Dem Vorteil der Wiederverwendung des Phosphors steht jedoch ein noch größerer Nachteil entgegen: Es finden auch andere Stoffe ihren Weg in unser Wasser, unsere Lebensmittel und somit unseren Organismus, wo sie Schaden anrichten. Derzeit existieren noch keine großtechnischen Anlagen, die eine gründliche Reinigung des Phosphats aus dem Abwasser ermöglichen. Nach wie vor verbleibe daher ein großer Teil im Klärschlamm enthalten, der nach „Vergasung“ und Entwässerung in die Verbrennung gelangt. „Ein wertvoller und endlicher Rohstoff unseres Planeten geht somit sprichwörtlich in Flammen auf“, erklärt Peter Haselmaier. Laut Klärschlammverordnung müssen mittelgroße Kläranlagen wie Nagold bis 2032 so weit aufrüsten, dass sie den gesamten Phosphor aus dem Klärschlamm zurückgewinnen können, große Kläranlagen ab 2029. Im Zweckverband Böblingen wird derzeit eine Monoverbrennungsanlage für Klärschlamm gebaut. Die Abwasserbetriebe schließen sich zusammen, um das Phosphor aus Asche wieder zurückgewinnen zu können.

Nicht immer kann die global beste Entscheidung getroffen werden
Auch wenn der Abwasserzweckverband Nagold immer die insgesamt beste Lösung anstrebe, so sei das nicht immer möglich: „Leider haben wir nicht alles in der Hand und sind unter anderem gezwungen, öffentliche Ausschreibungen für die Klärschlammentsorgung, sogar EU-weit, vorzunehmen. Am Ende wird teilweise nach Norddeutschland oder Belgien transportiert. Diese weiten Strecken sind gerade in Zeiten des Klimawandels nicht sinnvoll“, findet der Technische Leiter des Abwasserzweckverbands. Umso wichtiger sei es, dort Einfluss zu nehmen und regional zu handeln, wo es möglich sei. Der Bau der neuen Monoverbrennungsanlage in Böblingen (2025/2026) sorge für deutlich kürzere Strecken, eine gesicherte Entsorgung und die Rückgewinnung von Phosphat. „Wir müssen wieder dahin kommen, dass wir nicht nur auf den Preis sondern auch auf nahe und ferne Auswirkungen achten. Selbst wenn wir ein paar Euro mehr bezahlen, profitieren am Ende alle davon – global“, ist Haselmaier überzeugt.  

Lageplan der Nagolder Kläranlage. (Foto: AZV Nagold)
Foto: AZV Nagold

Nagold ist aktiv – es müsse aber noch viel geschehen
In Nagold verbessert man die Abwasserreinigung kontinuierlich. Es wurde bereits in die Modernisierung des Rechen- und Sandfangbereichs der Kläranlage sowie in ein neues Regenüberlaufbecken investiert. Derzeit wird an der Phosphatrückgewinnung aus dem Klärschlamm gearbeitet und die Nachklärbecken umgebaut. „Erst danach kann in die vierte Reinigungsstufe investiert werden. Frühestens in fünf Jahren“, bedauert Haselmaier, „allein dafür muss mit weiteren 15 bis 20 Millionen gerechnet werden. Glücklicherweise bekommen wir finanzielle Unterstützung vom Land.“ Bis es so weit ist, behält man die Entwicklung neuer Methoden im Auge: „Wir möchten den gesamten Zyklus betrachten. Woher kommen die Rohmaterialien, wie wirken sie sich auf den natürlichen Kreislauf aus und wie werden sie entsorgt? Eine große Herausforderung, da wir es mit globalen Themen zu tun haben“, erklärt Peter Haselmaier.

Eine immer bessere Reinigung ist gut, doch was wäre wenn ...
... wir die Verschmutzung von vornherein verringern würden? Wäre das nicht die nachhaltigste, kosteneffizienteste und sozialste Art der Wasserreinigung? Haselmaier hat dazu eine klare Meinung: „Wir geben viel Geld für Dinge aus, die wir nicht benötigen und zahlen erneut viel Geld dafür, die Rückstände davon wieder aus dem Ökosystem zu reinigen, wobei wiederum Abfallstoffe anfallen, die ebenfalls recycelt werden müssen.“ Dabei seien nicht nur „die Großen“ gefragt. Jeder könne durch bewussten Konsum Einfluss auf die Wasserqualität nehmen. Möchte nicht jeder sauberes Wasser trinken und in Gewässern baden können? Zum Abschluss gibt er noch einen einfachen, und ganz und gar nicht komplexen Tipp mit auf den Weg: „Weniger ist mehr!“

So geht es im nächsten Teil weiter ...
Bei trockenem Wetter reinigt die Kläranlage nur Wasser aus Gebäuden. Wenn es jedoch regnet, steigt die Wassermenge rapide an. Wie wird mit diesen Wassermengen verfahren und warum muss Regenwasser überhaupt gereinigt werden? Mehr dazu im nächsten Teil. (Jennifer Weitbrecht)