Stadtnachricht

Platanenkubus


In Fachkreisen ist er bekannt wie ein bunter Hund und im Riedbrunnenpark präsentiert er sich als echter Hingucker: der Nagolder Platanenkubus. 2012 wurde er zur Landesgartenschau errichtet und war damit das erste baubotanische Experiment, das für einen urbanen Kontext geplant wurde. Seitdem entwickelte sich der Platanenkubus stetig zu dem, was er mal werden soll: Einem experimentellen Bauwerk. Internationale Besuchergruppen sind regelmäßig auch Jahre nach der Landesgartenschau in Nagold zu Gast, um die Hybridkonstruktion aus Stahl und Pflanzen zu begutachten.

In der  Medienlandschaft ist der ganz besondere Würfel auch schon angekommen. In einer Reportage der Deutschen Welle, die international ausgestrahlt wurde, spielte der Nagolder Platanenkubus ebenso eine Rolle, wie in einem Beitrag in „Bild der Wissenschaft“. Ende des vergangenen Jahres schaffte er es in einen Beitrag in der Zeitschrift „Der Spiegel“. Höchste Zeit also, bei Professor Ferdinand Ludwig, der mit Architekt Daniel Schönle einer der beiden „Väter“ des Bauwerks ist, nachzufragen, wie sich der Platanenkubus in den vergangenen acht Jahren entwickelt hat, welche Forschungsergebnisse sich daraus ableiten lassen und wie es mit dem Platanenkubus weitergeht.

Professor Ferdinand Ludwig. (Foto: Stadt Nagold)

Welcher Gedanke steht hinter dem Platanenkubus?
Der Platanenkubus soll aufzeigen, was Bäume leisten können. Und zwar einerseits konstruktiv – es entwickelt sich ja im Laufe der Zeit ein lebendes Tragwerk – als auch klimatisch: Betritt man den Platanenkubus bei sommerlicher Hitze ist es im Inneren gleich merklich kühler. Und er leistet das nicht einfach als ein gewöhnlicher Baum, sondern eben als ein wachsendes, lebendes Bauwerk.

Ist der Platanenkubus mehr botanisches Kunstobjekt oder als zukunftsweisende Wohnarchitektur zu sehen?
Als ein Kunstwerk würde ich ihn eigentlich nicht bezeichnen. Zukunftsweisend ist er in meinen Augen allemal. Und auch wenn der Kubus selbst nie bewohnt werden wird, steht er doch für die Idee, auch bewohnbare baubotanische Bauwerke zu realisieren. Denkbar sind beispielsweise Baumfassaden, bei denen Baum und bewohntes Gebäude zu einer Einheit verschmelzen. Denkbar sind beispielsweise Baumfassaden, bei denen Baum und bewohntes Gebäude zu einer Einheit verschmelzen.

Was ist zu tun, damit die Platanen so wachsen, dass dieses Ziel erreicht werden kann?
Eine gute gärtnerische Pflege, wie sie aktuell von der Firma Helix Pflanzen durchgeführt wird, ist eine sehr wichtige Grundlage. Und dann müssen die Bäume natürlich miteinander verbunden werden, damit sie zu einem einzigen Organismus und zu einer tragenden Struktur verwachsen. Um diese Verwachsungsprozesse anzuregen verschrauben wir die jungen Stämme mit Edelstahlschrauben.

In seiner Anfangszeit hatte es der Platanenkubus nicht ganz leicht, warum?
Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass der Winter 2011/2012, also der Winter vor der Gartenschau und damit der Winter des Platanenkubus, extrem hart war. Über viele Wochen gab es da konstant unter -10°C bei Sonnenschein und einem trockenen Ostwind. Die jungen, zarten Pflanzen sind da einfach erfroren beziehungsweise ausgetrocknet, ohne dass wir gießen konnten. Da musste dann viel nachgepflanzt werden. In den folgenden Jahren haben wir viel experimentiert und weiterentwickelt, um solche Rückschläge zu vermeiden. An meiner Professur in München läuft zu diesen Fragestellungen auch ein neues Forschungsprojekt.

Wie lautet Ihre Prognose für die künftige Entwicklung?
Ich sehe die zukünftige Entwicklung sehr positiv. Die Pflanzen haben sich am Standort etabliert. Der größte Teil der Baumstruktur kann sich schon vom Boden aus mit Wasser und Nährstoffen versorgen und ist nicht mehr auf die Bewässerungstechnik angewiesen. In den nächsten Jahren werden dann alle einzelnen Bäume miteinander verwachsen sein und die Pflanzgefäße und die Bewässerungstechnik können zurückgebaut werden.

Der Nagolder Platanenkubus. (Foto: Stadt Nagold)
Fotos: Stadt Nagold

Was ist das Ziel am Ende dieser Entwicklung? Und wann kann dies Ihrer Schätzung nach erreicht werden?
Langfristig soll die lebende Konstruktion nicht nur sich selbst, sondern auch die drei Plattformen und die Menschen darauf tragen können. Das ist schon eine beachtliche Last für einen lebenden Baum. Zu Anfang hatten wir berechnet, wie lange dies unter Idealbedingungen dauern könnte und kamen auf 16 Jahre. Heute wissen wir: Es wird länger dauern. Denn erstens mussten zunächst die oben beschriebenen „Kinderkrankheiten“ überwunden werden und zweitens wissen wir alle, dass Idealbedingungen vielleicht im Labor, aber nie in der Realität herrschen. Doch gerade dieser Umgang mit Unsicherheiten macht den Ansatz auch spannend: Heute wissen wir weniger denn je, was die Zukunft bringen wird – die Baubotanik stößt uns darauf.

Baubotanik und Klimawandel – was können lebende Bauwerke dem Klimawandel entgegensetzen?
Vor allem in dicht bebauten Stadtgebieten entstehen mit dem Klimawandel mehr und mehr Hitzeinseln, in denen es im Sommer unerträglich wird. Auch hier vor Ort wird man das spüren, denn auch wenn Nagold eine kleine Stadt mit viel Grün ist, sind doch in den vergangenen Jahren auch viele Grünflächen überbaut worden. Hier spielt die Baubotanik ihre Potenziale aus: Stellen Sie sich einfach vor, alle Gebäude hätten Fassaden wie der Platanenkubus. Dann würden sie sich ökologisch quasi wie Bäume verhalten. Durch Bauen würde nicht Grünraum verschwinden, sondern mehr Grün geschaffen.

Der Platanenkubus soll in die Außenanlagen der neuen Kita im Riedbrunnen integriert werden. Der künftige Name „Kita am Platanenkubus“ verknüpft Baubotanik mit Pädagogik. Wie finden Sie das?  
Es freut mich zunächst sehr, dass der Platanenkubus in den Freiraum der KiTa eingebunden werden soll. Dann kann die kommende Generation einen einmaligen baubotanischen Raum tagtäglich erleben und daran lernen, wie wir in Zukunft Bauen und Natur verbinden können.

Und eine Frage zum Schluss: Hatten Sie als Kind ein Baumhaus?
Ich bin als Kind sehr viel in Bäume geklettert. Das ist für mich eine prägende Erfahrung. Was mich daran begeistert hat, war die Atmosphäre in der Baumkrone – die Lichtstimmungen, der Rückzugsort … Vielleicht wollte ich das nicht zerstören und habe daher nie ein Haus reingezimmert. Umso mehr freut es mich heute, einen Ansatz entwickeln und erforschen zu dürfen, der genau diese Verbindung von Architektur und Baum ermöglicht. (Das Interview führte Tina Block)