Stadtnachricht

Metropolexpress


Das Konzept Metropolexpress bindet Nagold und den südlichen Landkreis Calw für Pendler bequem und umsteigefrei an die Region Stuttgart an. (Foto: bwegt)
Foto: bwegt

Wie lässt sich Nagold und damit der südliche Landkreis Calw umsteigefrei an die Metropolregion Stuttgart anbinden? Diese Frage beschäftigt die Stadt bereits seit mehreren Jahrzehnten.

Verschiedenste Varianten waren im Fokus, wurden untersucht und schlussendlich – aus unterschiedlichen Gründen - verworfen.

Jetzt rückt das Projekt Metropolexpress  in greifbare Nähe. Der erste bedeutsame Meilenstein wurde Anfang 2020 mit der Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung mit dem Land Baden-Württemberg vollzogen. Die Stadt Nagold stellt sich ausdrücklich hinter das Land Baden-Württemberg und spricht sich damit für das Konzept Metropolexpress aus.

Wie sieht das Konzept konkret aus? Welche Bedeutung hat die Elektrifizierung des Streckenabschnitts Nagold–Hochdorf? Welche Rolle nimmt die Stadt bei der Umsetzung des Projekts ein? Diese und weitere Fragen werden im Folgenden beantwortet.

Zudem gibt Nahverkehrsberater Ulrich Grosse, der sich seit Jahrzehnten mit der Anbindung Nagolds an die Region Stuttgart beschäftigt, sein Statement zum Metropolexpress ab.  

Fragen und Antworten
 
Welche Varianten für die Anbindung von Nagold wurden in der Vergangenheit bereits untersucht?

Zwei Untersuchungen aus dem Jahr 2001 (Machbarkeitsstudie Schienenverkehr Herrenberg-Nagold) sowie zuletzt durch die Nahverkehrsberatung Südwest vom Januar 2009, haben jeweils zu dem übereinstimmenden Ergebnis geführt, dass eine Direktanbindung zwischen Herrenberg und Nagold (Neubaustrecke) unter dem Gesichtspunkt der Kosten-Nutzen-Analyse nicht machbar und vertretbar ist.

In dieser Folge ist die Idee geboren worden, die Direktanbindung über die Bestandsgleise der Nagoldtalbahn und der Gäubahn (Streckenabschnitt Eutingen– Stuttgart) in Erwägung zu ziehen.

Die erste Überlegung war die Verlängerung der S1 über die Gäubahn und Nagoldtalbahn bis nach Nagold. Diese Machbarkeitsstudie stammt vom Planungsbüro TTK und wurde gemeinsam vom Landkreis Calw und der Stadt Nagold vergeben.

Auch diese Untersuchung war unter Kosten-Nutzen-Analyse-Gesichtspunkten unbefriedigend. Zudem ist die Idee bei der Region Stuttgart auf keinerlei Resonanz gestoßen.

2014 gab es einen neuen Vorstoß mit der Idee eines Flügelungskonzeptes
namens „Interim+“, das von der SMA+Partner AG aus Zürich erstellt
wurde.

Diese Studie führte immerhin zu dem Zwischenergebnis, dass grundsätzlich ein Flügelungskonzept für eine umsteigefreie Direktanbindung Nagolds an die Region Stuttgart machbar ist.

Diese Konzeption hat durch das Vorhaben des Landes, den Metropolexpress einzuführen, weiteren Auftrieb erhalten.

Was ist der Metropolexpress genau?

Die Metropolregion Stuttgart erstreckt sich über die gesamte Region Stuttgart und bezieht wichtige außerhalb der Region gelegene Zentren mit ein.

Grundsätzlich sollen umsteigefreie Verbindungen mindestens im Stundentakt geschaffen werden. Würde man dies durch Verlängerungen des S-Bahn-Systems erreichen wollen, so würden die Fahrzeiten mit zunehmender Entfernung von Stuttgart immer unattraktiver.

Außerdem müssten sämtliche Bahnstationen dann auf die betrieblichen Bedingungen einer S-Bahn abgestellt werden, zum Beispiel was die Höhe der Bahnsteige betrifft.

Das Land hat nun die Idee des Metropolexpress-Systems entwickelt, welches in Form von sogenannten Durchmesserlinien insbesondere für die Ränder der Region und darüber hinaus gelegene Städte von großem Vorteil ist.
Der Metropolexpress verkehrt wie eine S-Bahn, hält aber im Bereich des S-Bahn-Netzes nur an wenigen aufkommensstarken Stationen, zum Beispiel Stuttgart Hauptbahnhof, Stuttgart-Flughafen, Böblingen und Herrenberg.
An den S-Bahn-Endpunkten bestehen gute Umstiegsmöglichkeiten von der S-Bahn auf den Metropolexpress.

Jenseits des S-Bahn-Netzes hält der Metropolexpress wie eine S-Bahn an allen Bahnstationen, im Falle des Metropolexpress nach Nagold also in Gäufelden, Bondorf, Ergenzingen, Eutingen, Hochdorf.

Bei der Weiterfahrt nach Nagold soll auch in Gündringen/Schietingen gehalten werden, ebenso in Iselshausen, am Steinberg, in der Stadtmitte und am Nagolder Bahnhof.

Von all diesen Stationen hätte man dann kurze und umsteigefreie Fahrzeiten nach Stuttgart zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen beziehungsweise der Messe.

Vorgesehen ist bislang auch, die Metropolexpress-Linie in Stuttgart in Richtung Bad Cannstatt, Waiblingen, Backnang – Schwäbisch-Hall durchzubinden, so dass auch hierhin stündliche umsteigefreie Bahnverbindungen entstehen werden.

Schnelle und umsteigefreie Verbindungen, insbesondere auch für den Pendlerverkehr, sind die Voraussetzung, um die aus klimaschutzpolitischen Gründen notwendige Verlagerung vom Straßenverkehr auf den öffentlichen Verkehr zu ermöglichen.

Der Bahnhof wäre einer von mehreren Nagolder Haltestellen für den Metropolexpress. (Foto: Stadt Nagold)
Foto: Stadt Nagold

Warum ist der Metropolexpress für Nagold und die südliche Region des Landkreises Calw von Vorteil?

Grundsätzlich steht hinter dem Begriff Metropolexpress die Anbindung und Vernetzung des regionalen Schienenverkehrs in Richtung Metropol-region Stuttgart.

Konkret bedeutet das für Nagold, dass der zwischen Stuttgart und Freudenstadt verkehrende Regionalzug, der aus Kapazitätsgründen im Zulauf auf Stuttgart mit zwei Zugeinheiten gefahren werden muss, in Nagold-Hochdorf geflügelt wird. Das heißt, auf dem Weg von Stuttgart in den Schwarzwald wird der Zug in Hochdorf in zwei Einheiten getrennt. Ein Teil des Zuges fährt dann nach Nagold weiter, der andere Teil fährt Richtung Freudenstadt. Das gleiche Prinzip gilt selbstverständlich auch für die Fahrt von Nagold nach Stuttgart.

Von der Anbindung profitiert Nagold in zweierlei Hinsicht. Zum einen können Fahrgäste aus Nagold und Umgebung bequem und umweltfreundlich nach Böblingen, Sindelfingen, auf den Flughafen und den Stuttgarter Hauptbahnhof fahren. Umgekehrt eröffnet sich zum anderen die Möglichkeit, dass Gäste aus der Metropolregion Stuttgart nach Nagold und den südlichen Landkreis Calw gelangen können. Das alles im verlässlichen Stundentakt und umsteigefrei.

Warum ist eine Elektrifizierung der Teilstrecke wichtig?
Momentan verkehrt im Nagoldtal zwischen Horb und Pforzheim die Kulturbahn, die mit Diesel betrieben wird.

Grundvoraussetzung für die Anbindung des elektrisch betriebenen Metropolexpress an Nagold ist daher eine Elektrifizierung des Streckenabschnitts Nagold-Hochdorf.

Da Diesel-Triebwagen ohnehin nicht die Zukunft der Mobilität sind und die bislang eingesetzten Regio-Shuttle in die Jahre gekommen sind, wird mit der Elektrifizierung ein großer Beitrag zum Klimaschutz geleistet.   

Welche Perspektiven bietet die Elektrifizierung noch?
Durch die Elektrifizierung der Teilstrecke Hochdorf–Nagold ist ein erster Schritt hin zur Elektrifizierung des Schienenverkehrs im gesamten Nagoldtal getan.

Der nächste damit realisierbare Meilenstein wäre der Anschluss an die Albtalbahn in Pforzheim und damit an die Region Karlsruhe.  

Welches ist der aktuelle Stand beim Projekt Metropolexpress?

Derzeit wird von der Deutschen Bahn AG eine sogenannte Betriebsprogrammstudie durchgeführt.

Geprüft werden in dieser Phase die fahrplantechnische Machbarkeit sowie die Einbindung in das bestehende Bahn-Netz.


Vorausgesetzt, am Ende der Planungen steht die Machbarkeit, wann wäre frühestens mit der Fertigstellung zu rechnen?

Ehrgeiziges Ziel ist es, mit der Fertigstellung von Stuttgart 21 und des dann neuen Fahrplans, den Metropolexpress einzubinden.

Derzeit rechnet man damit, dass ab Ende 2025 der neue Tiefbahnhof in Stuttgart in Betrieb gehen kann.

Die Durchmesserlinie von Schwäbisch Hall in Richtung Gäubahn wird jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich sein, da die Führung der Gäubahn über den Flughafen sich noch verzögert und die alte Strecke ab Mitte 2025 im Abschnitt Stuttgart Nord–Stuttgart Hauptbahnhof nicht mehr befahrbar sein wird. Deshalb könnte der Metropolexpress ab 2026 in Stuttgart Nord bzw. Stuttgart-Vaihingen starten und von dort aus nach Freudenstadt/Nagold verkehren.

Welche Aufgabe hat die Stadt Nagold bei diesem Projekt?

Die Stadt Nagold ist Planungsträgerin auf Grundlage der mit dem Land Baden-Württemberg geschlossenen Finanzierungsvereinbarung. Im Konkreten heißt das, die Stadt Nagold definiert Vorgaben und ist für die Koordination der einzelnen am Projekt beteiligten Akteure verantwortlich. Die Projektbeteiligten sind unter anderem das Verkehrsministerium Baden-Württemberg, die Deutsche Bahn, der Landkreis Calw, Planungsbüros sowie weitere Verkehrsexperten.

Was wird dieses Projekt kosten?

Die Realisierung des Metropolexpress mit Planung und Ausführung der Elektrifizierung wird auf derzeit etwa zwischen 30 und 50 Millionen Euro geschätzt.

Die momentan anfallenden Kosten der laufenden Planungen werden bis zu einer Höhe von 4 Millionen Euro vom Land Baden-Württemberg übernommen. Dies ist Bestandteil der unterzeichneten Finanzierungsvereinbarung der Stadt Nagold mit dem Land.

Warum ist das Konzept Metropolexpress für die Stadt alternativlos?

Aus Sicht der Stadt Nagold ist die Metropolexpress-Variante zu bevorzugen, weil sie auf den bestehenden Schienen in absehbarer Zeit realisierbar ist. Tunnel- und Brückenbauten sowie die Zerschneidung der Landschaft, die im Falle einer Neubaustrecke notwendig wären, sind für die Realisierung nicht notwendig.

Der Metropolexpress ist damit ökologisch und ökonomisch die beste Lösung, um umsteigefrei von Nagold in die Region Stuttgart zu kommen.

Die etwa vier Minuten, die der Metropolexpress nach Stuttgart im Vergleich zu den bereits untersuchten und verworfenen Alternativkonzepten länger benötigt, steht in keinem Verhältnis zu den Investitionskosten einer S-Bahn-Trasse.

Für die Umsetzung des Projekts sind die Investitionen vergleichsweise gering, da lediglich eine Teilelektrifizierung durch den Bau einer Oberleitung notwendig wäre.

Auch die zeitliche Dimension ist für die Stadt ein triftiges Argument pro Metropolexpress. Denn die Umsetzung liegt durch die bereits fortgeschrittenen Planungen näher denn je.

Die Umsetzung anderer Optionen würde neben den ökologischen und ökonomischen Nachteilen viele Jahre für Planung und Bau beanspruchen.

Nahverkehrsberater Ulrich Grosse (Foto: privat)
Foto: privat

Ulrich Grosse, Nahverkehrsberater und gebürtiger Nagolder, berät seit Jahrzehnten die Stadt Nagold in Bezug auf die Schienenanbindung an die Region Stuttgart. Wie sieht er das Projekt Metropolexpress?

Mit dem Metropolexpress wird die Stadt Nagold als einziges in der Metropolregion Stuttgart sonst verbleibendes nicht umsteigefrei zu erreichendes Mittelzentrum auch noch umsteigefrei an Stuttgart angebunden.

Damit ist für Pendler und Touristen eine wichtige Voraussetzung geschaffen, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen.

Die Fahrzeit nach Stuttgart Hauptbahnhof wird nach den gegenwärtigen Planungen bei einer Stunde liegen, bis zum Flughafen werden es 50 Minuten sein. Damit kann der öffentliche Verkehr durchaus mit den Fahrzeiten auf der Straße konkurrieren, zumal weder in Stuttgart noch am Flughafen dann Parkplatzsorgen bestehen.

Wichtig aus Nagolder Sicht ist, dass der Metropolexpress bei uns die Funktion einer S-Bahn wahrnimmt, also in Hochdorf, Gündringen, Iselshausen, Steinberg, Stadtmitte und am Bahnhof hält, also dass möglichst viele Umstiegspunkte gewährt werden, die zudem gut mit dem öffentlichen Verkehr (Stadtbus, Regionalbus) und Rad- und Fußwegen verknüpft sind.
Ebenso sollte dafür Sorge getragen werden, dass ausreichend Park&Ride-Plätze zur Verfügung stehen, um den Umstieg von Pkw-Fahrten zu erleichtern.
Das weitere Ziel einer Elektrifizierung der Nagoldtalbahn auch im Abschnitt zwischen Pforzheim-Brötzingen und Nagold könnte die Voraussetzung dafür sein, auch weitere Zustiegsmöglichkeiten im Kernen oder in Emmingen ins Auge zu fassen und die Verbindungen in die Kreisstadt Calw und nach Pforzheim/Karlsruhe aufzuwerten.

Die Metropol-Express-Verbindung ersetzt die Nagoldtalbahn zwischen Pforzheim und Horb nicht. Diese soll weiterhin stündlich die Verbindungen über Horb in Richtung Bodensee/Schweiz herstellen.

Durch den Metropolexpress ergeben sich jedoch zusätzliche gute Verbindungen etwa über Herrenberg in den Raum Tübingen–Reutlingen –Metzingen–Bad Urach mit einmaligem Umstieg in Herrenberg auf die Ammertalbahn, die gegenwärtig elektrifiziert und in Teilen zweigleisig ausgebaut wird, nachdem sie über fast 30 Jahre lang stillgelegt gewesen war.
Im aufkommensstarken Abschnitt Stuttgart–Eutingen soll der Metropolexpress zukünftig sogar alle 30 Minuten verkehren, indem zusätzlich zum Freudenstädter/Nagolder Zug um 30 Minuten verschoben ein Metropolexpress von Stuttgart nach Horb–Sulz–Oberndorf–Rottweil verkehrt, der in Rottweil in die Richtungen Villingen-Schwenningen beziehungsweise Spaichingen–Tuttlingen geflügelt werden soll. (Tina Block/red)