Stadtnachricht

Jahresrückblick


Im Interview blickt Oberbürgermeister Jürgen Großmann auf die vergangenen beiden Jahre zurück und erläutert die Perspektiven, die sich für unsere Stadt in den nächsten Jahren bieten.

Der beleuchtete Weihnachtsbaum auf dem Nagolder Vorstadtplatz

Herr Oberbürgermeister Großmann, wenn Sie an die Jahre 2020 und 2021 denken, was fällt Ihnen spontan ein?

Zwei Geschehnisse: es war ein Freitagnachmittag im Februar 2020. Ich war zu einem Termin in Stuttgart. Der Landrat bat mich als Ortspolizeibehörde über einen Handyanruf sofort ein Rockkonzert in der Alten Seminarturnhalle zu untersagen. Der Grund war: Die ersten Covid-19 Fälle waren festzustellen und sie hatten Nagold erreicht. Die Pandemie war bei uns angekommen.
Und dann hatten mich die ersten tragischen Todesfälle der Pandemie geschockt. Es waren viele Menschen, die ich persönlich kannte.

Die Pandemie

Wie kommt Nagold von Beginn an durch die Pandemie?

Zunächst war sehr positiv, nachdem die ersten Lockdowns abzusehen waren, dass sofort eine Vielzahl von ehrenamtlichen Hilfsaktionen starteten, die zum Teil vom Rathaus aus gesteuert wurden.
Dazu gehörten die Aktionen „Nagold hilft Nagold“, „Nagold bringt‘s“ bis hin zu „Nagold Plus“ mit dem Bemühen, das Kulturleben wenigstens digital am Leben zu halten.

Bis heute bewähren sich die Gesundheitseinrichtungen von den Kliniken, über die freien Arztberufe, Apotheker, DRK, die Johanniter und viele andere mehr mit ihren Leistungen.

Die Teststationen waren schnell im Angebot, ebenso das Impfzentrum.
Die Unternehmen zeigen sich robust und auch der Einzelhandel in der Innenstadt trotzt erfolgreich der Pandemie.
In den Schulen und Kindertagesstätten wird professionell mit den besonderen Anforderungen umgegangen.

Und wie reagiert die Bevölkerung?

Sehr lobenswert in ihrem Verhalten, wofür ich allen sehr dankbar bin. Das gilt im Wesentlichen für die Einhaltung der Regeln und auch dafür, dass wir keine nennenswerte „Querdenkerszene“ haben.

Allen dürfte zwischenzeitlich bewusst sein, dass es nur einen Weg aus der Pandemie gibt und der heißt: Impfen, impfen und nochmals impfen.

Hatten Sie mit einer vierten Welle der Pandemie gerechnet?

Nein, nicht wirklich und schon gar nicht in der jetzigen Dimension. Wir kommen ja aus einem ermutigenden Sommer 2021! Denken Sie an die Vielzahl der Veranstaltungen wie zum Beispiel „Nagold blüht auf“, „Street`N Art“ oder die Kampagne „Nagold erleben“ und vieles andere mehr.
Die Vereine starteten wieder mit ihren Programmen, ebenso die Kirchen und viele Kulturträger.

Artistikshow auf dem Vorstadtplatz

Foto: avmediafactory

Meine Hoffnung geht jetzt auf das Frühjahr 2022 hin und darauf, dass es uns gelingt, bis dahin die Impfquote erheblich weiterzusteigern.
Das könnte dann der Weg sein, dass wir uns im neuen Jahr wieder Schritt für Schritt in die Normalität zurückarbeiten können.

Stadtentwicklung

Die Einwohnerzahlen steigen seit 2012 wieder kontinuierlich. Leiten Sie daraus weitere Maßnahmen für die Stadtentwicklung ab?

Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, auf die wir alle in der Verwaltung konsequent zugearbeitet haben: Nagold hat in den letzten zehn Jahren rund 1500 Einwohner hinzugewonnen!

Grafik: Einwohnerentwicklung Stadt Nagold

                                                                                                 Grafik: Stadt Nagold

Die Offensive für neues Bauland zeigt Wirkung. Denken Sie an die neuen Gebiete im Rötenbach, Riedbrunnen, Hasenbrunnen, erhebliche Nachverdichtungen in den Stadtteilen und der Kernstadt. Diesen Weg wollen wir weiter gehen mit den neuen Wohngebieten in Hochdorf, Vollmaringen und Emmingen.

Der Rahmenplan für den Oberen Steinberg steht und in allen Stadtteilen wollen wir weiter mit Lückenschließungen und auch Arrondierungen neue Baumõglichkeiten schaffen.

Im vergangenen Jahr wurde der Eigenbetrieb WiN (Wohnen in Nagold) gegründet. Vor welchem Hintergrund?

Möglichkeiten für private Bauherren zu schaffen, ist die eine Aufgabe der Kommune. Die andere Aufgabe ist, auch „preisgedämpften“ Wohnraum anbieten zu können. Das geschieht besonders auf dem Gebiet des Mietwohnraumes.

Die Stadt will mit dem Eigenbetrieb WiN und unter Inanspruchnahme von guten staatlichen Förderprogrammen, solchen dringend notwendigen Wohnraum durch eigene Bauaktivitäten schaffen.

Wir arbeiten gerade an einem ersten Neubauprojekt in der Innenstadt. So wollen wir Schritt für Schritt künftig mehr eigenen Mietwohnraum anbieten können.


Senioren

Die Aufgabe des Gertrud Teufel Seniorenzentrums (GTSZ) war ein großes Thema in der Stadt. Wie hat sich die Situation in Bezug auf die Betreuung und Pflege von Senioren entwickelt?

Die Strategie ist voll aufgegangen. Denn es war klar, sobald die Stadt den Aufgabenbereich Pflege beenden würde, werden neue Anbieter auftreten. Unklar war nur, wer, in welchem Umfang und wann.

Ich bin heute noch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ehemaligen GTSZ dankbar, dass wir uns beinahe vollständig und mit allen gütlich ohne arbeitsgerichtliche Verfahren haben einigen können. Dasselbe gilt für unsere Kunden. Damit gab es keinen langen Schließungsprozess.

Die Folge war, dass wir schnell mit Martha-Maria für Hochdorf, dem Neubauprojekt im Iselshauser Tal und dem DRK Pflegeheim am Lemberg (altes GTSZ) mehr Pflegeeinrichtungen haben werden, als jemals zuvor.

So wird es künftig in Nagold ein wirklich ausreichendes, breitgefächertes, modernes Angebot an sämtlichen Pflegeleistungen sowie von Betreutem Wohnen geben.

Kinder und Jugendliche

Schauen wir auf die Jüngsten in unserer Stadt. Mit der Einwohnerzahl steigt auch die Zahl der Kinder. Wie wurde und wie wird Nagold dieser Entwicklung gerecht?

Ich bin froh, dass wir nahezu alle Kinderbetreuungsmöglichkeiten in den Kindertagesstätten anbieten können. Dankbar bin ich auch für die sehr gute Zusammenarbeit mit unseren Kirchen, der Evangelischen und Katholischen, die als Träger von Kindertagesstätten ebenfalls hervorragende Arbeit leisten.
Klar: wir freuen uns sehr über die wachsende Kinderzahl. Jedoch gehen die Betreuungsplätze aus.

Deshalb war es wichtig, mit der Kita am Platanenkubus schnell eine neue viergruppige Kindertagesstätte im Riedbrunnen zu schaffen.
Ebenso wichtig war es, die Einrichtung von erstmals gleich zwei neuen Waldkindergärten in Nagold und Hochdorf auf den Weg zu bringen.
Im Moment planen wir eine Erweiterung in Emmingen sowie Neubauten in Vollmaringen und im Wohngebiet Hasenbrunnen, um möglichst schnell neue Plätze schaffen zu können.

Kinder mit Erzieherinnen spielen in der Kita am Platanenkubus

Jede Menge Platz zum Spielen bietet die Kita am Platanenkubus, die im Januar 2021 eröffnet wurde. Foto: Stadt Nagold

Gerade jetzt in der Pandemie waren die Freizeit- und Bildungsangebote für die Kinder und Jugendlichen doch wohl besonders wichtig?

Ja, absolut. Dass die Urschel-Stiftung in diesem Jahr das Sommerferienprogramm für die Kinder kostenfrei gemacht hat, war sehr erfreulich.

Zudem war es immerhin digital möglich, höchst professionell den Regionalwettbewerb „Jugend forscht“ in Nagold durchführen zu können.
Auch die Einrichtung des „Zauberwaldes“ am Killberg durch den Arbeitskreis Kinder und Familien im Nagolder Bürgerforum war herausragend.
Und immerhin konnte der neugewählte Jugendgemeinderat in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen.

Das Bildungsjahrzehnt

Bei der Einbringung des Haushaltes sprachen Sie vom Jahrzehnt der Bildung. Was heißt das konkret?

Die Erkenntnis, dass ein wichtiger Zukunftsschlüssel der Stadt in den Bildungschancen und Angeboten der jüngeren Generation liegt.
Deshalb haben wir eine klare und machbare Vision entwickelt: Den „Bildungscampus Stadtmitte“ bestehend aus dem Neubau und der Teilsanierung der Zellerschule, der Sanierung und Erweiterung des Otto-Hahn Gymnasiums und als Schlussstein die Städtische Musikschule in die Alte Gewerbeschule zu führen.

Luftaufnahme Bildungscampus Stadtmitte

Bildungscampus Stadtmitte mit der Zellerschule und dem OHG.

Foto: Stadt Nagold

Zudem ist ein weiterer wichtiger Baustein, die Sanierung und Modernisierung der Lembergschule, bereits erfolgt und es stehen noch wichtige Sanierungsmaßnahmen in der Christiane-Herzog-Realschule an. Das alles wird abgerundet durch den Digitalisierungsauftrag im Bildungswesen für alle Nagolder Schulen.

Für die Umsetzung dieses Gesamtpakets benötigen wir mindestens zehn Jahre. Das ist ein im Moment nicht überschaubarer finanzieller Kraftakt.

 

Zum Bereich Bildung gehört auch das Thema „Lebenslanges Lernen“. Wie sehen Sie die Bildungslandschaft für Erwachsene in Nagold aufgestellt?

Ein echter Meilenstein war die Etablierung der Außenstelle der Hochschule Pforzheim im vhs-Gebäude, was durch das große Engagement aus der freien Wirtschaft gelungen ist.

Darüber hinaus wird der noch zu errichtende Bildungscampus der IHK Nordschwarzwald in der Calwer Straße das Angebot für die berufliche Bildung enorm steigern.

 Und auch unsere Volkshochschule im Oberen Nagoldtal hat in der Pandemie die Chance genutzt, beinahe alle Angebote zu digitalisieren. Das war ein enormer Kraftakt, der jedoch mit Bravour gelungen ist.

Regenwassermanagement

Im Juli dieses Jahres gab es unter anderem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein Jahrhunderthochwasser. Wie ist Nagold in Sachen Hochwasserschutz gerüstet?

Im Moment stehen wir kurz vor dem Abschluss einer Untersuchung, mit welchen Maßnahmen wir überraschenden Starkregenaufkommen begegnen können.

Dieses sogenannte Regenwassermanagement wird besonders wichtig sein für einen konkreten Maßnahmenkatalog. Andererseits ist durch die Renaturierung der Waldach mit höherem Stauaufkommen eine Verbesserung erzielt worden.

Sobald die Untersuchung abgeschlossen ist, wird sich der Gemeinderat mit konkreten Vorhaben zu befassen haben, um weitere Schutzvorkehrungen treffen zu können.

Klimaschutz

Klimaschutz in Nagold. Was ist aus Ihrer Sicht zukünftig zu tun, was wurde bereits getan?

Wichtig war, zunächst eine Personalstruktur zu schaffen und dann einen dauerhaften Prozess mit Maßnahmen einzuleiten.
Das ist mit der Einstellung eines Klimaschutzbeauftragten gelungen. Ein Klimaschutzkonzept ist bereits verabschiedet worden.

Konkrete Maßnahmen daraus wurden bereits umgesetzt. So ist zum Beispiel die komplette öffentliche Straßenbeleuchtung schon auf LED-Technik umgestellt worden.

Wir beteiligen uns derzeit aktiv am EEA, dem European Energy Award, der wiederum konkrete Handlungsfelder umreißen wird. Jetzt gilt es, bis Sommer einen weiteren konkreten Katalog von Aufgaben zu verabschieden mit Themen wie zum Beispiel Photovoltaik-Initiative, Quartier-Versorgung mit Nahwärme, Fortschreibung des Radwegekonzepts und vieles andere mehr.

Zudem sind wir im Moment auf der Suche nach einem geeigneten Kooperationspartner für ein umfassendes Mobilitäts-Konzept.
Das Bemühen um eine gute Schienenanbindung Nagolds mit dem Metropol-Express hat natürlich ebenfalls einen Klimaschutz-Hintergrund.

Digitalisierung

Das Gesetz zur Verbesserung des Onlinezuganges zu Verwaltungsdienstleistungen verpflichtet unter anderem Kommunen, bis Ende 2022 ihre Verwaltungsleistungen über Verwaltungsportale auch digital anzubieten. Wie ist Nagold im Bezug auf die Digitalisierung aufgestellt?

Wir machen Fortschritte. Die Onlinedienste für unsere Kunden werden zügig nach und nach ausgebaut.

Es gibt bereits zahlreiche Verwaltungsdienstleistungen, die online beantragt werden können. Für die Online-Beantragung wird kein Formular benötigt. Die angeforderten Daten werden im Serviceportal „service-bw“ online ausgefüllt und direkt an die zuständige Stelle innerhalb der Stadtverwaltung übertragen. Dies funktioniert bereits zum Beispiel beim Beantragen eines Anwohnerparkausweises oder bei der Beantragung einer Geburtsurkunde oder einer Gaststättenerlaubnis.

Zudem werden wir bald einen 24/7-Abholservice für Dokumente anbieten können. Damit sind unsere Kunden unabhängiger von den Öffnungszeiten der Verwaltung. Das erklärte Ziel ist das „Digitale Rathaus“ als besonderes zusätzliches Angebot für unsere Kunden.

Visualisierung vom Standort des City-Terminals
Rund um die Uhr Dokumente abholen. Das wird im Laufe des nächsten Jahres auf dem Platz zwischen Rathaus und Ordnungsamt mit dem sogenannten City-Terminal (rechts im Bild) möglich sein.                                                                                                                                                           Visualisierung: Stadt Nagold

Die Haushaltslage

Wie lassen sich die vielen Aufgaben und Zukunftspläne mit der zweifellos angespannten Haushaltslage vereinbaren?

Ganz klar: für Zukunftsinvestitionen ist es gerechtfertigt, diese auch mit Krediten zu finanzieren. Denn zum Beispiel von den jetzt neuen Schulhäusern profitieren genau die nachfolgenden Generationen.

Trotzdem: wir werden sehr vorsichtig und umfassend die Finanzrisiken abzuwägen haben. Manche Maßnahmen werden unter Umständen auch gar nicht zunächst mangels Finanzen umsetzbar sein. Auch das müssen wir dann von Fall zu Fall eben akzeptieren. Wir werden nur das finanzieren, was wir uns auch leisten können.

Die Wirtschaftslage

Wie ordnen Sie die Situation der Nagolder Unternehmen ein - sowohl rückblickend als auch vorausschauend?

Wir alle können sehr dankbar dafür sein, dass die Nagolder Unternehmen so erfolgreich und sehr robust sind. Ihr Erfolg bildet seit Jahren das Rückgrat für die Finanzkraft unserer Stadt. Das lässt sich auch an den Arbeitsplatzzahlen ablesen.

Grafik mit der Entwicklung des Sozialversicherungspflichtig Beschäftigten

Trotz der Pandemie ist die Investitionsbereitschaft am Standort Nagold sehr hoch. Das lässt sich an den vielen Baukränen im Industriegebiet auf dem Wolfsberg und vor allen Dingen auf dem Eisberg im INGpark deutlich ablesen.
Im kommenden Jahr werden wieder neue Unternehmen hinzukommen, die den Wirtschaftsstandort Nagold weiter stärken werden.

Ich bin auch sehr zuversichtlich, dass unsere Unternehmen die besonderen Anforderungen des Transformationsprozesses in Bezug auf die Digitalisierung und die Dekarbonisierung anpacken werden.

Städtepartnerschaften

Wie konnte die Städtepartnerschaft mit Longwy in Frankreich und mit Jesenice in Slowenien in den letzten beiden Jahren aufrechterhalten werden?

Wir haben regelmäßig Videokonferenzen mit den Partnerschafts-
komitees abgehalten, so dass wir uns immer auf diese Weise wechselseitig über die aktuellen Entwicklungen informieren konnten.

2021 gab es zwei Delegationsbesuche von uns in Longwy. Wir arbeiten sowohl mit Longwy als auch mit Jesenice an einem anspruchsvollen Partnerschaftsprogramm für das Jahr 2022. Hintergrund dafür ist auch die Auszeichnung Nagolds in diesem Jahr mit dem Europa-Diplom des Rats der
Europäischen Union. Das ist eine sehr hohe Anerkennung für die partnerschaftlichen Bemühungen über Jahrzehnte hinweg, die von den Partnerschaftskomitees geleistet worden sind.
Nagolder Delegation vor dem Rathaus in der französischen Partnerstadt Longwy.

Die Nagolder Delegation freut sich auf die kontinuierliche Weiterentwicklung der Städtepartnerschaft. Von links: Holger Ehnes, Oberbürgermeister Jürgen Großmann, Simone Großmann, Isabelle Mahade, Sylvie Balon. Bürgermeister Jean Marc Fournel und Sabine Ehnes.                                      Foto: Stadt Nagold

2022 werden wir deshalb auch einen Europamarkt mit unseren Partnerstädten in Nagold organisieren.Auch die Städtischen Musikschulen wollen sich im kommenden Jahr wieder gegenseitig besuchen.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die traditionell sehr guten Beziehungen in den kommenden Jahren weiter vertiefen können.


  (Das Interview führte Tina Block)