Stadtnachricht

Archiv im Traube-Center


Alte Keller, staubige Akten - mit diesen Vorurteilen hat Stadtarchivarin Claire
Hölig häufig zu kämpfen.
Seit April 2022 ist die städtische Mitarbeiterin für das Nagolder Stadtarchiv zuständig und hat alle Hände voll zu tun. Denn sie erfasst, bewertet, verzeichnet, sichert und stellt nicht nur archivwürdige Unterlagen zur Nutzung bereit, sondern sie begleitete zu Beginn ihrer Tätigkeit in Nagold „nebenbei“ noch gemeinsam mit Ute Schönmetzler, im Haupt- und Personalamt zuständig für das Stadtarchiv, die Umbauarbeiten und darf nun den Umzug der bisherigen Magazinräume in das neue Stadtarchiv durchführen.

Frau Hölig, die Vorarbeiten sowie die Baustellenbegleitung sind geschafft. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit im Archiv. Welches sind, ganz konkret, Ihre Aufgaben als Stadtarchivarin?
Das Stadtarchiv ist das „Gedächtnis der Stadt“. Hier werden Unterlagen verwahrt, die Auskunft über die Geschichte der Stadt geben, sei es nun amtliches Schriftgut oder Dokumente von Privatpersonen.
Damit ist das Stadtarchiv ein Garant für unverfälschte und authentische Informationen. Als Archivarin sorge ich dafür, dass alle Archivalien sicher aufbewahrt und für die Nutzung auffindbar sind. Dafür ist es entscheidend, dass die Unterlagen erschlossen werden, sprich der Titel und der Inhalt erfasst und mit einer Signatur versehen werden. Erschlossene Archivalien werden in einem Findbuch zusammengefasst. Somit wissen Nutzer-innen und Nutzer, welche Unterlagen im Stadtarchiv vorhanden sind.
Ferner entscheide ich darüber, welche Quellen unserer Zeit dauerhaft für die Zukunft erhalten bleiben sollen. Dafür bewerte ich alle Unterlagen, die mir von der Stadtverwaltung angeboten werden.

Welche Kriterien liegen einer Bewertung, ob ein Dokument archivwürdig ist, zugrunde?
Das Landarchivgesetz von Baden-Württ-emberg legt fest, dass Archive Unterlagen zu verwahren haben, die einen rechts-sichernden Charakter haben, das Verwaltungshandeln nachvollziehbar machen und/oder einen Teil des gesellschaftlichen Lebens dokumentieren (vgl. § 2 Absatz 2 Landesarchivgesetz). Gerade der letzte Aspekt ist für die regionale Forschung unverzichtbar: das Sammeln von Informationen über wichtige Ereignisse und Personen der Stadtgeschichte.
Sofern keine gesetzliche oder amtliche Aufbewahrungsfrist besteht, entscheide ich eigenständig, was aufbewahrt und was vernichtet wird.

Das geht mit viel Verantwortung einher, denn Unterlagen, die zur Vernichtung freigegeben werden, sind unwiederbringlich verloren.
Ich stehe daher im engen Austausch mit den verschiedenen Ämtern der Verwaltung, um mir Klarheit über die Vielzahl der Akten zu verschaffen. Somit lässt sich leichter einschätzen, welche Unterlagen archivwürdig, sprich aufbewahrungswürdig, sein könnten. Und es lassen sich Mehrfachüberlieferungen vermeiden, die wertvollen Platz im Archiv belegen würden.
Wenn in einem Amt Aussonderungen anstehen, schicken mir die Kolleginnen und Kollegen eine Liste mit allen Unterlagen zu, die sie nicht mehr benötigen. Diese bewerte ich. Neben inhaltlichen Aspekten spielt die Entstehungszeit des Schriftguts eine Rolle. Da nur wenige Unterlagen aus der Zeit vor 1950 überliefert sind, werden diese in der Regel aufbewahrt.
In manchen Fällen ist die Bewertung schwierig. Dann tausche ich mich mit anderen Archivarinnen und Archivaren aus.
Ist die Bewertung abgeschlossen, wird mir das archivwürdige Schriftgut übergeben. Der Rest wird vernichtet.

Welche Art von Unterlagen gehen durch Ihre Hände?

Im Stadtarchiv befinden sich ganz unterschiedliche Unterlagen. In der Fachwelt sprechen wir von Archivaliengattungen. Das können Urkunden, Akten, Amtsbücher, Karten, Pläne, Grafiken, Fotografien, Zeitungen und vieles mehr sein.
Im Grunde landet alles, was in der Stadtverwaltung entsteht, irgendwann auf meinem Schreibtisch. Natürlich gilt das für digitale Unterlagen genauso wie für analoge.

Stadtarchivarin Claire Hölig hat mit dem Bezug der neuen Räumlichkeiten in diesen Tagen begonnen. Zu den ersten Archivalien gehören die gebundenen Zeitungsbände

Haben Sie bereits etwas Besonderes entdeckt?

Vieles. Das Stadtarchiv ist eine wahre Goldgrube für Geschichtsinteressierte. Im Grunde lässt sich mit jeder Archivalie eine Geschichte erzählen. Allein anhand von Papier und Tinte kann man eine Aussage über die Lebensumstände des Verfassers oder der Verfasserin treffen.
Spannend sind die Inventar- und Teilungsbücher. Sie wurden in Württ-emberg bereits ab dem 16. Jahrhundert eingeführt und beschreiben detailliert das Vermögen und den Besitz einer Person jeweils bei der Heirat (Inventur) und beim Tod (Teilung). Hier lässt sich sehr viel zur Sozial- und Kulturgeschichte der Stadt erforschen.
Für die Ahnenforschung sind die Ortssippenbücher, die Burkhart Oertel in den 1990er Jahren verfasst hat, ein wahrer Segen. Er hat in mühevoller Fleißarbeit sämtliche Kirchenarchive durchforstet und alle Geburten-, Heirats- und Sterbefälle dokumentiert. Somit lassen sich anhand dieser Bücher die Stammbäume Nagolder Familien bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen.

Apropos, im Museum werden häufig besondere Stücke aus dem Depot ausgestellt, wo genau liegt eigentlich der Unterschied zwischen dem Stadtarchiv und dem Depot im Museum?

Ein Archiv hat als Aufgabe, amtliches und nicht-amtliches Schriftgut dauerhaft aufzubewahren und der Nutzung zugänglich zu machen. Museen sammeln und bewahren Objekte, die anschließend in Ausstellungen der Öffentlichkeit vermittelt werden.
Salopp gesagt: Archive sammeln Flachware, Museen dreidimensionale Objekte. Archivalien werden in einem Magazinraum verwahrt, Museums-objekte in einem Depot. Natürlich können auch Archivalien ausgestellt werden. In Nagold hat das Stadtarchiv keine Ausstellungsfläche. Aber in Kooperation mit dem Museum im Steinhaus können und sollen auch Schätze aus dem Stadtarchiv der Bevölkerung präsentiert werden. Das ist schon fest eingeplant.

Auch im Rathaus lagern zahlreiche Unterlagen. Kommen die alle zu Ihnen ins Archiv?

Die Stadtverwaltung produziert tagtäglich erhebliche Mengen an Akten. Nicht nur aus platztechnischen Gründen kann das Archiv maximal 10 Prozent des Schriftgutes aufbewahren, das in der Verwaltung entsteht.
Doch bevor die Akten ins Archiv oder in den Schredder wandern, werden sie für einige Jahre in der Registratur verwahrt. Somit ist sichergestellt, dass die Stadtverwaltung Rückgriff auf ältere Unterlagen hat. Und natürlich auch, dass Bürgerinnen und Bürger Akteneinsicht erhalten können.
Wie lange die Unterlagen in der Registratur verbleiben, hängt von den jeweiligen Aufbewahrungsfristen der Dokumente ab.

Können auch Privatpersonen das Stadtarchiv nutzen? Und wenn ja, wie?

Grundsätzlich steht das Archivgut allen offen und darf nach Ablauf der Schutzfristen (in der Regel 30 Jahre nach Entstehung des Schriftgutes) genutzt werden. Im Gegensatz zur Bibliothek kann man sich die einzelnen Archivalien nicht selbst aus dem Regal ziehen. Diese Arbeit übernehme ich.
Interessierte füllen einen Benutzungsantrag aus und vereinbaren einen Termin mit mir. Vor Ort kann man entweder das Findbuch durchsehen und mir die gewünschten Archivalien mitteilen oder man nennt mir im Vorfeld das Thema der Recherche und ich prüfe die Bestände nach passenden Archivalien. Im Anschluss suche ich die entsprechenden Unterlagen heraus und lege sie im Leseraum zur Einsicht vor. Für Recherche-Zwecke gibt es dort übrigens auch bald einen kleinen Handapparat mit Büchern zur Stadtgeschichte und öffentliches Nagold-WLAN.

Die ehemalige Gewerbefläche im Traube-Center wurde zum Stadtarchiv umgebaut. Was galt es alles zu beachten?

Für einen Bestandsumbau ist das Traube-Center ziemlich ideal. Die Lage ist zentral und dadurch für alle Ämter gut zu erreichen. Es liegt leicht erhöht und in sicherer Entfernung zur Nagold, wodurch das Risiko eines Hochwasserschadens minimiert wird.
Beim Umbau musste natürlich einiges verändert werden. Wichtig für die Magazinräume ist ein konstantes Klima, damit sich kein Schimmel entwickelt. Hierfür wurde eine Heizungs- und Lüftungsanlage eingerichtet. Unter den Wasserrohren gibt es Auffangwannen, um bei Rohrbruch einen Wasserschaden zu vermeiden. Für die fachgerechte Arbeit gibt es einen Bearbeitungsraum, in dem die Archivalien verpackt und erschlossen werden.
Worüber ich mich sehr freue: Ich habe einen Quarantäneraum. Dort verbleiben alle Unterlagen, die ins Stadtarchiv geliefert werden, für ungefähr vier Wochen. Somit kann ich ausschließen, dass Schimmel oder Schädlinge ins Archiv gelangen.